Engelwurz – die Heilpflanze der starken Wurzeln

Engelwurz – die Heilpflanze der starken Wurzeln

Wirkung, Anwendung, Forschung und Verwechslungsgefahren einer der bedeutendsten Heilpflanzen Europas

Manche Heilpflanzen wirken unscheinbar. Sie wachsen am Wegesrand, ducken sich zwischen Gräsern oder verstecken ihre Kräfte in kleinen Blüten. Die Engelwurz gehört definitiv nicht zu dieser Kategorie. Sie wächst majestätisch in die Höhe, bildet mächtige Stängel, riesige Blätter und imposante Blütendolden. Wer einer ausgewachsenen Engelwurz begegnet, hat eher das Gefühl, vor einer Pflanze aus einer anderen Zeit zu stehen als vor einem gewöhnlichen Wildkraut.

Und tatsächlich begleitet die Engelwurz die Menschen schon seit Jahrhunderten. Sie war Heilpflanze, Nahrung, Gewürz, Handelsgut und zeitweise sogar so wertvoll, dass ihr Anbau gesetzlich geschützt wurde. Während viele Kräuter heute vor allem für einzelne Wirkstoffe bekannt sind, erzählt die Engelwurz eine viel größere Geschichte. Sie verbindet Klostermedizin, nordische Kulturgeschichte, moderne Phytotherapie und aktuelle Forschung auf faszinierende Weise.

Dabei ist sie keineswegs nur ein Relikt vergangener Zeiten. Die wissenschaftliche Forschung beschäftigt sich bis heute mit ihren Inhaltsstoffen und bestätigt viele traditionelle Anwendungen zumindest teilweise. Gleichzeitig offenbart sie immer neue Facetten dieser außergewöhnlichen Pflanze.

Warum Engelwurz eigentlich Engelwurz heißt

Der botanische Name Angelica archangelica verrät bereits, dass diese Pflanze seit jeher mit besonderen Vorstellungen verbunden war. Einer mittelalterlichen Legende zufolge soll ein Engel den Menschen die Pflanze offenbart haben, um sie vor Seuchen und Krankheiten zu schützen. Ob man solche Geschichten nun mag oder nicht – sie zeigen eindrucksvoll, welchen Stellenwert die Engelwurz einst besaß.

Im Mittelalter gehörte sie zu den bedeutendsten Heilpflanzen Europas. Klöster kultivierten sie gezielt in ihren Kräutergärten, Heilkundige setzten sie bei Verdauungsbeschwerden, Atemwegserkrankungen und allgemeiner Schwäche ein. Während großer Pestepidemien galt sie vielerorts sogar als Schutzpflanze.

Natürlich wissen wir heute, dass Engelwurz keine Pest heilen konnte. Dennoch überrascht es, wie viele ihrer traditionellen Anwendungen sich mit modernen Erkenntnissen zumindest teilweise erklären lassen.

Die Königin des Nordens

Besonders spannend ist die Geschichte der Engelwurz in Skandinavien und Island. Dort war sie weit mehr als eine Heilpflanze. In den kurzen Sommern des Nordens gehörte sie über Jahrhunderte zu den wichtigsten Nutzpflanzen überhaupt.

Historische Quellen berichten sogar, dass Engelwurzbestände teilweise bewacht wurden. Besitzrechte an besonders ertragreichen Pflanzen wurden geregelt und Ernteverbote ausgesprochen. Für heutige Verhältnisse klingt das fast absurd. Man stelle sich vor, jemand würde sein Lieblingsbeet mit Brennnesseln rechtlich schützen lassen.

Doch die Engelwurz war wertvoll. Ihre Blattstiele wurden gegessen, ihre Wurzeln als Heilmittel genutzt und ihre Samen dienten als Gewürz. In manchen Regionen war sie so wichtig wie andere Kulturpflanzen weiter südlich.

Welche Engelwurz ist die richtige?

Wenn von Engelwurz als Heilpflanze gesprochen wird, ist fast immer die Echte Engelwurz (Arznei-Engelwurz) gemeint.

Die Echte Engelwurz (Angelica archangelica) wird seit Jahrhunderten medizinisch genutzt und ist die Art, die auch in Arzneibüchern beschrieben wird.

Daneben gibt es beispielsweise die Waldengelwurz (Angelica sylvestris), die ähnlich aussieht, aber deutlich seltener therapeutisch verwendet wird.

Für Sammlerinnen und Sammler ist deshalb eine sichere Bestimmung besonders wichtig.

Wo findest Du die Arznei-Engelwurz?

Sie ist in den nördlichen Regionen Europas beheimatet, besonders häufig in Skandinavien, aber auch in den Alpen und Pyrenäen. Du findest sie vor allem an feuchten Standorten wie Flussufern, in Auenwäldern oder auf feuchten Wiesen. Sie liebt nährstoffreiche Böden und kann bis zu zwei Meter hoch werden. Besonders auffällig sind ihre großen, kugeligen Doldenblüten, die in der Regel zwischen Juni und August erscheinen. Die Stängel sind rund, hohl und oft leicht rötlich gefärbt – ein wichtiges Merkmal zur Bestimmung.

Vorsicht bei der Bestimmung

Hier wird es ernst. Die Familie der Doldenblütler beherbergt einige unserer wertvollsten Heilpflanzen, aber auch einige der gefährlichsten Giftpflanzen Europas.

Wer Engelwurz sammeln möchte, muss sie zweifelsfrei erkennen können.

Besonders problematisch sind mögliche Verwechslungen mit:

Die Echte Engelwurz besitzt einige charakteristische Merkmale. Ihre Stängel sind kräftig und meist grün, die Blattscheiden wirken deutlich aufgeblasen, die Blütendolden sind kugelig gewölbt und die gesamte Pflanze verströmt einen intensiven aromatischen Duft. Zerreibt man einen Pflanzenteil zwischen den Fingern, erinnert das Aroma an Sellerie, Wacholder, Kräuterlikör und Wald zugleich.

Der hochgiftige Gefleckte Schierling hingegen besitzt häufig violette Flecken am Stängel und einen unangenehmen, mausartigen Geruch.

Gerade bei Doldenblütlern gilt: Im Zweifel niemals sammeln.

Die Inhaltsstoffe der Engelwurz

Die eigentliche Schatzkammer der Engelwurz befindet sich in ihrer Wurzel. Dort lagert die Pflanze eine Vielzahl biologisch aktiver Substanzen ein.

Dazu gehören ätherische Öle, Bitterstoffe, Flavonoide, Harze, Phenolverbindungen sowie verschiedene Cumarine und Furanocumarine.

Besonders die ätherischen Öle prägen das charakteristische Aroma. Enthalten sind unter anderem α-Pinen, β-Phellandren, Limonen und zahlreiche weitere Terpene.

Was die Engelwurz so interessant macht, ist jedoch nicht ein einzelner Wirkstoff. Vielmehr scheint das Zusammenspiel vieler Substanzen ihre Wirkung zu erklären. Dieses Prinzip begegnet uns bei zahlreichen Heilpflanzen und wird in der modernen Phytotherapie zunehmend erforscht.

Warum Engelwurz die Verdauung anregt

Wer einmal auf einem kleinen Stück Engelwurz-Wurzel gekaut hat, weiß sofort, warum die Pflanze als Bittermittel geschätzt wird.

Die enthaltenen Bitterstoffe aktivieren spezielle Rezeptoren auf der Zunge. Dadurch beginnt eine komplexe Kettenreaktion. Speichelfluss, Magensaftproduktion, Gallensekretion und die Freisetzung verschiedener Verdauungsenzyme werden angeregt.

Unser Verdauungssystem wird gewissermaßen darauf vorbereitet, Nahrung effizient zu verarbeiten.

Genau deshalb wird Engelwurz traditionell bei Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Blähungen und funktionellen Verdauungsbeschwerden eingesetzt.

Besonders interessant ist, dass Bitterstoffrezeptoren inzwischen nicht nur auf der Zunge nachgewiesen wurden. Sie finden sich auch im Darm, in den Atemwegen und in weiteren Organen. Die Wissenschaft beginnt erst allmählich zu verstehen, welche Bedeutung diese Rezeptoren für unsere Gesundheit besitzen.

Wenn Stress auf den Magen schlägt

Viele Menschen kennen das Phänomen: Der Magen rebelliert nicht wegen des Essens, sondern wegen des Lebens.

Termindruck, Sorgen, Schlafmangel oder dauerhafte Belastung können die Verdauung erheblich beeinflussen.

Genau hier könnte Engelwurz ihre traditionelle Stärke entfalten. Untersuchungen deuten darauf hin, dass bestimmte Inhaltsstoffe krampflösende Eigenschaften besitzen und auf die glatte Muskulatur des Verdauungstraktes einwirken können.

Deshalb findet sich Engelwurz häufig in pflanzlichen Mischungen mit Fenchel, Kümmel, Anis oder Pfefferminze.

Die unterschätzte Heilpflanze für die Atemwege

Heute wird Engelwurz meist als Verdauungspflanze wahrgenommen. Historisch spielte jedoch auch ihre Anwendung bei Erkältungen und Atemwegsbeschwerden eine wichtige Rolle.

Die ätherischen Öle können dazu beitragen, Schleim zu verflüssigen und dessen Abtransport zu erleichtern. Gleichzeitig untersuchen Forschende mögliche entzündungshemmende Eigenschaften verschiedener Inhaltsstoffe.

In den langen nordischen Wintern galt Engelwurz deshalb vielerorts als wertvolle Begleiterin bei Husten und verschleimten Atemwegen.

Was die moderne Forschung untersucht

Die Wissenschaft beschäftigt sich aktuell mit weit mehr als nur den klassischen Anwendungen.

Mehrere Studien beschäftigen sich mit entzündungshemmenden Effekten von Engelwurz-Inhaltsstoffen. Besonders Cumarine und phenolische Verbindungen stehen hierbei im Fokus.

Daneben zeigen Laboruntersuchungen antioxidative Eigenschaften. Verschiedene Pflanzenstoffe können freie Radikale neutralisieren und dadurch Zellen vor oxidativem Stress schützen.

Auch antimikrobielle Wirkungen wurden beschrieben. Bestandteile der ätherischen Öle hemmen in Laborversuchen das Wachstum verschiedener Mikroorganismen.

Besonders spannend sind jedoch zwei Forschungsfelder, die in vielen Kräuterbüchern kaum erwähnt werden.

Zum einen untersuchen Forschende mögliche neuroprotektive Eigenschaften einzelner Inhaltsstoffe. Dabei geht es um die Frage, ob bestimmte Pflanzenstoffe Nervenzellen vor Schäden schützen können. Noch handelt es sich überwiegend um Grundlagenforschung, doch die Ergebnisse wecken Interesse.

Zum anderen rückt die Darmflora zunehmend in den Fokus. Erste Arbeiten deuten darauf hin, dass Bestandteile der Engelwurz das komplexe Ökosystem unseres Darms beeinflussen könnten. Auch hier stehen wir noch am Anfang, doch die Forschung entwickelt sich rasant.

Eine offiziell anerkannte Arzneipflanze

Engelwurz gehört nicht zu den Pflanzen, deren Anwendung ausschließlich auf Volksheilkunde beruht.

Die Kommission E des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie die ESCOP erkennen die traditionelle Verwendung der Engelwurzwurzel bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden an.

Damit gehört sie zu den Heilpflanzen, deren Einsatz fachlich dokumentiert und bewertet wurde.

Engelwurz in der Küche

Viele Menschen wissen gar nicht, dass Engelwurz früher ebenso selbstverständlich gegessen wie als Heilpflanze verwendet wurde.

Vor allem die jungen Blattstiele galten als Delikatesse. Sie wurden kandiert und als Süßigkeit genossen. Die Samen fanden Verwendung in Backwaren, Spirituosen und Gewürzmischungen.

Noch heute enthalten zahlreiche Kräuterliköre und Bitterspirituosen Engelwurz. Bekannte Kräuterliköre wie Chartreuse oder Benediktiner verdanken ihr einen Teil ihres charakteristischen Aromas.

Wer gerne experimentiert, kann kleine Mengen der Samen in Apfelkompott, Kräuterbrot oder selbstgemachte Gewürzmischungen einarbeiten.

Anwendung in der Praxis

Die wichtigste Arzneidroge ist die getrocknete Wurzel.

Für einen Tee werden etwa ein bis zwei Gramm fein geschnittene Engelwurz-Wurzel mit 150 Millilitern heißem Wasser übergossen und zehn Minuten ziehen gelassen.

Traditionell werden ein bis drei Tassen täglich verwendet.

Beliebt sind auch Tinkturen und Bitterelixiere, die vor den Mahlzeiten eingenommen werden.

Besonders gut harmoniert Engelwurz mit Fenchel, Kümmel, Anis, Schafgarbe oder Enzian.

Ein einfaches Bitterelixier zum Selbermachen

Wer Heilpflanzen gerne praktisch erlebt, kann ein traditionelles Verdauungselixier herstellen.

Dafür werden 20 Gramm Engelwurz-Wurzel, 10 Gramm Fenchelsamen, 10 Gramm Kümmel und etwas unbehandelte Orangenschale mit 250 Millilitern Doppelkorn angesetzt.

Nach mindestens vier Wochen wird die Mischung gefiltert.

Vor den Mahlzeiten genügen meist wenige Tropfen.

Geschmacklich bewegt sich das Ergebnis irgendwo zwischen Apotheke, Kräutergarten und nordischem Abenteuer.

Die Sache mit den Furanocumarinen

Ein wichtiger Punkt wird oft übersehen.

Engelwurz enthält Furanocumarine. Diese Stoffe können die Haut empfindlicher gegenüber Sonnenlicht machen.

Gelangen größere Mengen frischen Pflanzensaftes auf die Haut und folgt anschließend intensive Sonneneinstrahlung, können phototoxische Reaktionen entstehen.

Mögliche Folgen sind Rötungen, Hautreizungen, Blasenbildung und langanhaltende Pigmentveränderungen.

Beim Verarbeiten größerer Mengen empfiehlt sich deshalb das Tragen von Handschuhen.

Nebenwirkungen und Gegenanzeigen

Grundsätzlich gilt Engelwurz als gut verträglich. Dennoch gibt es Situationen, in denen auf eine Anwendung verzichtet werden sollte.

Dazu gehören Schwangerschaft, bekannte Allergien gegen Doldenblütler sowie bestehende Magen- oder Darmgeschwüre.

Gelegentlich können Magenreizungen oder Hautreaktionen auftreten.

Wer regelmäßig Medikamente einnimmt oder unter chronischen Erkrankungen leidet, sollte die Anwendung mit medizinischem Fachpersonal besprechen.

Eine Pflanze als kleines Ökosystem

Zum Schluss lohnt sich ein Blick auf die Engelwurz aus einer ganz anderen Perspektive.

Wenn Du im Sommer einmal vor einer blühenden Engelwurz stehst, nimm Dir ein paar Minuten Zeit und beobachte die Dolden genauer.

Kaum eine heimische Heilpflanze wird von so vielen verschiedenen Insekten gleichzeitig besucht. Wildbienen, Schwebfliegen, Käfer, Wespen und zahlreiche weitere Bestäuber finden hier Nahrung.

Die Engelwurz ist deshalb nicht nur eine Heilpflanze für Menschen, sondern auch ein wichtiger Bestandteil unserer heimischen Ökosysteme.

Vielleicht macht gerade das ihren besonderen Reiz aus. Sie ist Arzneipflanze, Gewürz, Kulturgeschichte, Forschungsobjekt und Insektenmagnet zugleich. Während viele Heilpflanzen heute auf einzelne Wirkstoffe reduziert werden, erinnert uns die Engelwurz daran, dass Pflanzen oft weit mehr sind als die Summe ihrer Inhaltsstoffe. Sie erzählen Geschichten über unsere Vergangenheit, liefern spannende Forschungsfragen für die Zukunft und stehen dabei oft ganz unscheinbar am Rand eines Waldweges – nur dass die Engelwurz selbst dabei alles andere als unscheinbar ist.

Inhaltsstoffe Engelwurz:

Heilwirkungen:

  • entzündungshemmend
  • krampflösend
  • beruhigend
  • verdauungsfördernd
  • antiseptisch
  • spasmolytisch
  • abwehrsteigernd
  • immunstärkend
  • antiviral
  • antibakteriell
  • antioxidativ

Anwendungsgebiete:

Unsere Rezepte mit Engelwurz findet man bequem mit einem Klick auf: Engelwurz

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