High-Protein-Hype: Lohnt sich das Extra-Eiweiß im Einkaufswagen?

High-Protein-Hype: Lohnt sich das Extra-Eiweiß im Einkaufswagen?

Wie viel Eiweiß brauchst Du und helfen Proteinprodukte beim Abnehmen?

Pudding, Brot, Joghurt, Müsli und sogar Eis: Auf immer mehr Verpackungen steht „High Protein“. Das klingt nach Fitness, einer schlanken Figur und einer besonders gesunden Wahl. An der Kasse bleibt allerdings häufig die Frage: Bekommen wir für den Aufpreis wirklich etwas, das unser Körper braucht?

Die Antwort hängt weniger vom Schriftzug auf der Verpackung ab als von Deiner Ernährung. Protein ist lebensnotwendig. Spezielle Proteinprodukte sind für die meisten Menschen jedoch keine Voraussetzung für eine gute Versorgung.

Was Protein im Körper macht

Protein, also Eiweiß, besteht aus Aminosäuren. Unser Körper benötigt diese Bausteine unter anderem für Muskeln, Organe, Enzyme und Teile des Immunsystems. Neun Aminosäuren müssen wir über die Nahrung aufnehmen, weil wir sie nicht selbst herstellen können. Protein liefert außerdem Energie: etwa vier Kilokalorien pro Gramm.

Damit ist Eiweiß viel mehr als ein Nährstoff für Menschen, die Gewichte stemmen. Wir alle brauchen es täglich. Daraus folgt aber nicht, dass jede Mahlzeit durch zusätzliches Protein besser wird.

Was „High Protein“ auf einer Verpackung bedeutet

Die Angabe ist in der EU geregelt: Mindestens 20 % des Energiegehalts eines Lebensmittels müssen aus Protein stammen. Für die Angabe „Proteinquelle“ reichen mindestens 12 %. Entscheidend ist der Anteil an den Kalorien, nicht der Anteil am Produktgewicht.

Ein Rechenbeispiel: Enthält ein Lebensmittel 100 Kilokalorien und fünf Gramm Protein pro 100 Gramm, stammen 20 Kilokalorien aus Eiweiß. Damit erreicht es die Schwelle für „High Protein“. Es muss also keineswegs 20 Gramm Eiweiß pro 100 Gramm enthalten.

Der Schriftzug sagt auch nicht, dass Protein zugesetzt wurde. Manche Lebensmittel sind bereits von Natur aus proteinreich und werden entsprechend beworben. Ebenso wenig garantiert das Etikett wenig Zucker, wenig Fett, wenige Kalorien oder einen besonders hohen Ballaststoffgehalt.

Wie viel Protein brauchst Du wirklich?

Für gesunde Erwachsene von 19 bis unter 65 Jahren empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Ab 65 Jahren gilt ein Schätzwert von 1,0 Gramm.

Körpergewicht bei Normalgewicht19 bis unter 65 JahreAb 65 Jahren
60 kg48 g täglich60 g täglich
70 kg56 g täglich70 g täglich
80 kg64 g täglich80 g täglich

Diese Werte sind eine Orientierung für gesunde Menschen, keine individuell berechneten Trainings- oder Therapieziele. Bei Übergewicht wird für die Berechnung ein Gewicht im Normalgewichtsbereich zugrunde gelegt. Mehr Fettgewebe bedeutet nicht automatisch einen entsprechend höheren Proteinbedarf. Bei Untergewicht, Adipositas oder bestimmten Erkrankungen braucht es eine individuelle Einordnung.

Braucht jeder sportliche Mensch mehr?

Nicht jeder Spaziergang und nicht jede Trainingseinheit macht eine zusätzliche Proteinportion notwendig. Für gewöhnlichen Freizeitsport gelten keine gesonderten Empfehlungen. Bei ambitioniertem Sport mit etwa fünf Stunden Training pro Woche oder mehr kann dagegen eine höhere Zufuhr sinnvoll sein. Die DGE nennt abhängig von Belastung und Trainingsziel etwa 1,2 bis 2,0 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich.

Bei 70 Kilogramm wären das rechnerisch 84 bis 140 Gramm. Diese Spanne ist kein Auftrag, möglichst den höchsten Wert zu erreichen. Sie beschreibt unterschiedliche sportliche Anforderungen. Auch ein höherer Bedarf lässt sich häufig mit herkömmlichen Lebensmitteln decken. Zusätzliches Eiweiß ersetzt keinen Trainingsreiz.

Welche Lebensmittel liefern ohnehin Protein?

Viele gute Proteinquellen stehen längst in unseren Küchen. Hülsenfrüchte, Tofu, Milchprodukte, Eier und Fisch brauchen keinen auffälligen Fitnessaufdruck.

Die folgenden Mengen sind gerundete Orientierungswerte. Sorte, Zubereitung und Hersteller beeinflussen den tatsächlichen Gehalt; bei verpackten Lebensmitteln hilft die Nährwerttabelle.

LebensmittelBeispielportionProtein ungefähr
Tofu100 g16 g
Linsen, gekocht120 g11 g
Haferflocken60 g8 g
Sojadrink200 ml7 g
Walnüsse25 g4 g
Vollkornbrot50 g3–4 g
Quark, 20 % Fett i. Tr.150 g19–21 g
Ei, gekocht1 Stück, etwa 60 g7 g
Lachs150 g30 g

Schon eine Portion Quark, ein Ei und eine Portion Linsen liefern zusammen ungefähr 37 bis 39 Gramm Eiweiß. Brot, Haferflocken und andere Lebensmittel tragen zusätzlich zur Tagesmenge bei.

Nüsse enthalten ebenfalls Protein. Wegen ihrer hohen Energiedichte sind sie allerdings anders einzuordnen als beispielsweise Quark oder gekochte Linsen: Eine kleine Handvoll kann eine Mahlzeit ergänzen, eine große Portion liefert zugleich reichlich Energie.

Funktioniert das auch rein pflanzlich?

Ja. Eine abwechslungsreiche Auswahl hilft, die verschiedenen Aminosäuren abzudecken. Sinnvolle Kombinationen sind beispielsweise Hülsenfrüchte und Getreide: Linseneintopf mit Vollkornbrot oder Bohnen mit Reis. Auch Sojaprodukte können zur Versorgung beitragen.

Bei pflanzlichen Drinks lohnt sich ein Blick aufs Etikett. Sojadrink liefert beispielsweise Protein; die Nährwerte verschiedener pflanzlicher Alternativen können deutlich voneinander abweichen. „Pflanzlich“ und „proteinreich“ sind keine austauschbaren Begriffe.

Wer kann von High-Protein-Produkten profitieren?

Ein Produkt kann praktisch sein, ohne ernährungsphysiologisch notwendig zu sein. Wer unterwegs ist, wenig Zeit hat oder eine konkrete Lücke in der Versorgung schließen möchte, kann mit einem passenden Produkt, zum Beispiel einem der unzähligen Protein-Riegel, leichter auf die gewünschte Proteinmenge kommen.

Für ambitioniert trainierende Menschen ist das unter Umständen eine bequeme Ergänzung. Ältere Menschen oder Menschen mit wenig Appetit können ebenfalls davon profitieren, gezielt auf ihre Proteinversorgung zu achten. Der Nutzen entsteht aber durch die passende Ernährung und eine tatsächlich benötigte Menge – nicht durch die Produktbezeichnung.

Bei krankheitsbedingtem Gewichtsverlust oder Mangelernährung sollte eine Ernährungsfachkraft beziehungsweise die behandelnde Praxis eingebunden werden. Medizinische Trinknahrung und ein Proteinpudding aus dem Supermarkt erfüllen nicht automatisch denselben Zweck.

Und wenn Dir ein Proteinpudding einfach schmeckt? Dann darf er natürlich auf Deinem Speiseplan stehen. Du musst ihn weder zum Gesundheitsprodukt erklären noch grundsätzlich meiden.

Nimmt man mit High Protein wirklich ab?

Ein Proteinriegel baut kein Körperfett ab, nur weil auf seiner Verpackung „High Protein“ steht. Für eine Gewichtsabnahme braucht es über die Zeit eine negative Energiebilanz. Auch eiweißreiche Lebensmittel tragen zur Energiezufuhr bei.

Protein kann beim Abnehmen dennoch eine hilfreiche Rolle spielen: Eine proteinreiche Mahlzeit kann sättigen. Eine ausreichende beziehungsweise gezielt erhöhte Zufuhr kann außerdem helfen, während einer Gewichtsabnahme Muskelmasse zu erhalten.

Was die Forschung dazu zeigt

Eine Metaanalyse von 2021 fand bei proteinreicheren Ernährungsweisen einen durchschnittlichen Gewichtsvorteil von etwa 1,6 Kilogramm gegenüber den Vergleichsgruppen. Die untersuchten Ernährungsformen und Proteinmengen unterschieden sich allerdings deutlich. Eine umfassende Auswertung für die DGE bewertete die Wirkung auf Gewicht, Fettmasse und Taillenumfang bei energiereduzierter Ernährung deshalb als weiterhin unklar; ohne Energieeinschränkung zeigte sich wahrscheinlich kein Einfluss auf diese Größen.

Eine Metaanalyse von 2024 spricht dafür, dass mehr Protein bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas während einer Gewichtsabnahme den Verlust von Muskelmasse vermindern kann. Für Muskelkraft und körperliche Funktion zeigte sich hingegen kein eindeutiger entsprechender Vorteil.

Die Studien untersuchen Ernährungsweisen und Proteinmengen. Daraus lässt sich kein Abnehmversprechen für einzelne Puddings, Riegel oder Shakes ableiten.

Im Alltag macht deshalb die Verwendung einen Unterschied: Ersetzt ein passender Proteinsnack eine energiereichere Zwischenmahlzeit und hält Dich zufrieden, kann er Deinen Plan unterstützen. Kommt er zusätzlich zu allem anderen dazu, erhöht er erst einmal Deine Energiezufuhr.

Lohnt sich der höhere Preis?

Manchmal bezahlst Du für tatsächlich mehr Protein, manchmal vor allem für Geschmack, Bequemlichkeit und eine auffällige Verpackung. Ein fairer Vergleich braucht die Nährwerte und den Preis.

Prüfe beim Einkauf:

  • Wie viel Protein enthält eine Portion, die Du tatsächlich isst?
  • Wie viel liefert das vergleichbare herkömmliche Produkt?
  • Wie unterscheiden sich Kalorien, Zucker, Fett, Salz und Ballaststoffe?
  • Wie hoch ist der Grundpreis pro Kilogramm?
  • Schließt das Produkt eine Lücke oder kommt es lediglich zusätzlich dazu?

Wenn es Dir vor allem um günstiges Eiweiß geht, kannst Du die Kosten pro 20 Gramm Protein vergleichen:

Preis der Packung ÷ Proteinmenge der gesamten Packung × 20

Ein Beispiel mit erfundenen Preisen: Ein Proteinpudding kostet 2 Euro und liefert 20 Gramm Eiweiß. Ein Quark kostet 1,50 Euro und liefert 30 Gramm Eiweiß. Beim Quark bekommst Du also mehr Eiweiß für weniger Geld. Zum direkten Vergleich: 20 Gramm Eiweiß kosten beim Pudding 2 Euro, beim Quark nur 1 Euro.

Der günstigere Proteinpreis entscheidet nicht allein über die Qualität einer Mahlzeit. Geschmack, Verträglichkeit, andere Nährstoffe und Alltagstauglichkeit zählen ebenfalls. Ein teureres Produkt kann bequem sein; gesundheitlich notwendig wird es dadurch nicht. Das Bundeszentrum für Ernährung empfiehlt etwa, Proteinriegel eher als gelegentlichen Snack bei Zeitmangel zu betrachten als als vollwertige Mahlzeit.

Kann zu viel Protein problematisch werden?

Bei eingeschränkter Nierenfunktion kann eine hohe Proteinzufuhr schaden. Betroffene sollten ihre Proteinmenge mit der behandelnden Praxis abstimmen. Für gesunde Erwachsene ist die langfristige gesundheitliche Einordnung sehr hoher Mengen nicht abschließend geklärt. „Viel hilft viel“ ist deshalb auch beim Eiweiß keine sinnvolle Einkaufsregel.

Bei Unverträglichkeiten und Allergien zählt außerdem die Zutatenliste. Ein proteinreiches Milchprodukt ist nicht automatisch laktosefrei, und ein laktosefreies Produkt ist bei einer Milcheiweißallergie nicht automatisch geeignet.

So bringst Du mehr Protein auf den Teller

Bevor Du Deinen Einkauf auf Spezialprodukte umstellst, schau Dir Deine üblichen Mahlzeiten an. Gibt es darin eine Proteinquelle, die Du magst und verträgst?

Haferflocken lassen sich mit Quark oder Sojadrink ergänzen. Zum Salat passen Bohnen, Tofu, Ei oder Fisch. Aus gekochten Linsen wird ein Eintopf oder ein Brotaufstrich. Quark mit Obst kann eine einfache Zwischenmahlzeit sein.

So lässt sich die Versorgung oft verbessern, ohne jede Mahlzeit auszurechnen. Und beim nächsten Griff ins Kühlregal hilft eine konkrete Frage: Bekomme ich hier etwas, das zu meinem Bedarf und meinem Alltag passt – und ist mir das den Aufpreis wert?

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