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Was das Sterben von Kleinsäugern über den Zustand unserer Natur erzählt
Seit Tagen begegnen uns auf unseren Gassirunden durch den Wald immer wieder tote Tiere. Heute waren es auf nur vier Kilometern Waldweg drei Maulwürfe und eine Maus. Vier kleine Körper, die direkt auf oder neben dem Weg lagen. Wie viele weitere Tiere abseits unserer Route, verborgen im Unterholz oder unter der ausgetrockneten Erde, verstorben sind, können wir nur erahnen.
Natürlich lässt sich ohne Untersuchung nicht feststellen, woran jedes einzelne dieser Tiere gestorben ist. Krankheiten, Parasiten, Verletzungen oder andere Ursachen kommen ebenfalls infrage. Die ungewöhnliche Häufung fällt jedoch in eine Zeit, in der Hitze und anhaltende Trockenheit den Wald, seine Böden und seine Bewohner massiv unter Druck setzen. Sie einfach als belanglosen Zufall abzutun, wäre deshalb ebenso falsch wie eine voreilige Diagnose.
Die Dürre endet nicht an der Erdoberfläche
Wenn wir über Trockenheit sprechen, denken wir meistens an vertrocknete Wiesen, welkende Pflanzen, niedrige Wasserstände oder Waldbrandgefahr. Doch ein wesentlicher Teil des Geschehens bleibt unseren Augen verborgen: Unter unseren Füßen trocknet ein ganzer Lebensraum aus.
Der Deutsche Wetterdienst beschrieb bereits das Frühjahr 2026 als außergewöhnlich sonnig und deutlich zu trocken. Der tagesaktuelle Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung zeigt, dass die Situation regional unterschiedlich ist. Während einzelne Niederschläge den Oberboden zeitweise befeuchten können, bleiben tiefere Bodenschichten vielerorts weiterhin ungewöhnlich trocken. Ein kurzer Regenschauer beendet eine über Monate entstandene Bodendürre nicht.
Gerade für Tiere, die im oder unmittelbar am Boden leben, hat das weitreichende Folgen. Regenwürmer reagieren empfindlich auf Trockenheit. Sie ziehen sich in tiefere, noch feuchtere Schichten zurück, rollen sich in schützenden Erdhöhlen ein oder fallen je nach Art in eine Ruhephase. Viele wirbellose Tiere werden in harten, trockenen Böden ebenfalls seltener oder sind für ihre Fressfeinde kaum noch erreichbar.
Damit verschwindet die Nahrung nicht unbedingt vollständig – aber sie rückt für viele Tiere außer Reichweite.
Bei mir im Südwesten Deutschland hat es seit April nicht mehr nennenswert geregnet. Ich habe den Wald bei mir zu Hause in 45 Lebensjahren noch nie so vertrocknet gesehen. Die Bilder unten sind aus August 2026, von mir aufgenonmen.






Warum Maulwürfe besonders gefährdet sind
Der Europäische Maulwurf lebt fast vollständig unter der Erde. Dort gräbt er ein weit verzweigtes System aus Jagdgängen, Nestern und Ruhekammern. Seine Nahrung besteht vor allem aus Regenwürmern, Insekten, Larven, Schnecken und anderen kleinen Bodentieren. Pflanzen und Wurzeln frisst er entgegen einem hartnäckigen Vorurteil nicht.


Sein unterirdisches Leben kostet enorm viel Energie. Der kompakte Körper muss sich durch den Boden arbeiten, Gänge anlegen und sein Revier fortlaufend nach Beute absuchen. Entsprechend hoch ist sein Nahrungsbedarf. Die Deutsche Wildtier Stiftung gibt an, dass Maulwürfe täglich Nahrung in einer Größenordnung von bis zu ihrem eigenen Körpergewicht benötigen können.
Wird der Boden trocken und hart, verschärfen sich gleich mehrere Probleme. Das Graben wird anstrengender, während Regenwürmer und andere Beutetiere in tiefere Bodenschichten ausweichen oder weniger aktiv sind. Der Maulwurf muss also mehr Energie einsetzen, um weniger Nahrung zu finden. Auch die Suche nach Wasser und geeigneten, kühleren Bereichen kann ihn dazu zwingen, sein geschütztes Gangsystem zu verlassen.
Genau dann sehen wir einen Maulwurf überhaupt einmal an der Oberfläche. Normalerweise ist er dort kaum unterwegs. Oberirdisch ist er Hitze, Austrocknung, Fressfeinden, Straßenverkehr und zahlreichen weiteren Gefahren ausgesetzt. Ein Maulwurf, der am helllichten Tag über einen Weg läuft, ist deshalb nicht zwangsläufig krank – möglicherweise befindet er sich aber in einer akuten Notlage.
Der Maulwurf ist kein lästiger Hügelproduzent
Viele Menschen nehmen Maulwürfe fast ausschließlich durch ihre Erdhaufen wahr. Im Garten werden sie häufig als Störenfriede betrachtet, obwohl sie nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt sind und weder gefangen noch verletzt oder getötet werden dürfen.
Dabei verraten uns Maulwurfshügel etwas ausgesprochen Positives: Unter der Oberfläche lebt noch etwas. Wo Maulwürfe ausreichend Nahrung finden, gibt es Regenwürmer, Insektenlarven und andere Bodenorganismen. Ihre Anwesenheit kann daher ein Hinweis auf einen lebendigen, nahrungsreichen Boden sein.
Mit seinen Gängen lockert und durchmischt der Maulwurf die Erde. Luft und Wasser können leichter in den Boden gelangen, organisches Material wird verlagert und unterschiedliche Bodenschichten werden miteinander verbunden. Sein Tunnelsystem schafft außerdem Hohlräume, die teilweise auch von anderen kleinen Tieren genutzt werden können.
Der Maulwurf beeinflusst zugleich die Bestände verschiedener wirbelloser Tiere. Er frisst unter anderem Larven, Schnecken und Regenwürmer, während er selbst Teil des Nahrungsnetzes ist. Füchse, Marder, Greifvögel, Eulen und andere Beutegreifer können Maulwürfe erbeuten, auch wenn deren Geruch und Lebensweise sie nicht für jeden Räuber zur bevorzugten Nahrung machen.
Der Verlust des Maulwurfs bedeutet daher weit mehr als das Verschwinden einiger Erdhügel. Mit ihm fehlt ein Tier, das den Boden bewegt, Nahrungsbeziehungen mitgestaltet und uns anzeigt, wie viel Leben sich unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche verbirgt.
Mäuse und andere Kleinsäuger halten den Wald zusammen
Auch Mäuse werden oft nur dann wahrgenommen, wenn sie in Häuser, Keller oder Vorratsräume gelangen. Im Wald erfüllen die verschiedenen Mausarten und andere Kleinsäuger jedoch zentrale ökologische Aufgaben.

Viele von ihnen sammeln Samen, Nüsse und Früchte und tragen sie über größere Entfernungen. Nicht jedes angelegte Vorratslager wird später wiedergefunden. Zurückgelassene Samen können keimen und damit zur Verjüngung und Ausbreitung von Pflanzen beitragen. Andere Kleinsäuger fressen Insekten und weitere Wirbellose oder beeinflussen durch ihre Nahrungsauswahl, welche Pflanzen sich an einem Standort durchsetzen.
Beim Graben verändern sie den Boden, verteilen organisches Material und schaffen kleine Hohlräume. Manche Arten tragen außerdem zur Verbreitung von Pilzsporen bei. Diese Pilze bilden teilweise lebenswichtige Gemeinschaften mit Baumwurzeln und unterstützen die Versorgung der Pflanzen mit Wasser und Mineralstoffen.
Vor allem aber gehören Kleinsäuger zu den wichtigsten Beutetieren zahlreicher Arten. Eulen, Greifvögel, Füchse, Marder, Wiesel, Wildkatzen und Schlangen sind auf sie angewiesen. Brechen die Bestände von Mäusen, Spitzmäusen, Wühlmäusen und anderen kleinen Säugetieren großflächig ein, fehlt die Nahrung an vielen weiteren Stellen des Ökosystems.
Kleinsäuger sind keine unbedeutenden Statisten des Waldes. Sie verbinden Pflanzen, Bodenorganismen und größere Beutegreifer miteinander. Gerade weil sie klein, häufig verborgen und für viele Menschen austauschbar wirken, wird ihre Bedeutung leicht unterschätzt.
Trockenheit löst eine Kettenreaktion aus
Ein Ökosystem reagiert nicht in voneinander getrennten Einzelteilen. Trocknet der Boden aus, betrifft das zunächst Bodenbakterien, Pilze, Regenwürmer, Insekten und andere wirbellose Tiere. Ihre Aktivität nimmt ab, ihre Lebensräume verändern sich oder sie ziehen sich in tiefere Schichten zurück.
Dadurch fehlt Maulwürfen, Spitzmäusen, Vögeln und vielen weiteren Tieren Nahrung. Pflanzen leiden gleichzeitig unter Wassermangel und können weniger Blüten, Samen und Früchte bilden. Das wiederum trifft pflanzen- und samenfressende Tiere. Sinkt deren Zahl, geraten schließlich auch ihre Fressfeinde unter Druck.
Trockenheit kann Tiere zudem unmittelbar belasten. Wasserstellen verschwinden, kleine Tümpel trocknen aus und feuchte Rückzugsräume gehen verloren. An heißen Tagen steigt der Wasserbedarf, während gleichzeitig weniger Wasser zur Verfügung steht. Geschwächte Tiere sind anfälliger für Krankheiten, Parasiten und Beutegreifer. Sie müssen größere Strecken zurücklegen und häufiger Deckung oder sichere Bauten verlassen.
Besonders dramatisch wird es, wenn solche Belastungen nicht nur für einige Tage auftreten, sondern sich über Wochen und Monate ziehen oder in kurzen Abständen wiederholen. Populationen können einzelne schlechte Jahre häufig ausgleichen. Folgen Trockenperioden jedoch immer wieder aufeinander, fehlen den Tieren Zeit, Nahrung und geeignete Lebensräume, um ihre Bestände zu erholen.

Was wir sehen, ist nur ein winziger Ausschnitt
Vier tote Kleinsäuger auf vier Kilometern Weg beweisen noch kein flächendeckendes Massensterben. Aber sie sind ein alarmierendes Zeichen – vor allem, wenn solche Funde nicht einmalig bleiben.
Tote Kleintiere verschwinden normalerweise schnell. Sie werden von Füchsen, Mardern, Rabenvögeln, Käfern, Fliegenlarven und zahlreichen anderen Organismen verwertet. Viele versterben zudem in ihren Bauen, tief im Gras, unter Laub oder fernab befestigter Wege. Was wir be unseren Gassirunden entdecken, dürfte deshalb nur ein kleiner Ausschnitt dessen sein, was tatsächlich geschieht.
Das macht diese Begegnungen so bedrückend. Wir sehen nicht das ganze Ausmaß. Wir sehen lediglich die wenigen Tiere, deren Körper zufällig dort liegen, wo auch wir entlanggehen.
Tote Tiere bitte nicht ungeschützt anfassen
Wer tote Wildtiere findet, sollte sie nicht mit bloßen Händen berühren und auch Hunde fernhalten. Einzelne kleine Kadaver müssen nicht automatisch gemeldet werden. Häufen sich die Funde jedoch auffällig, liegen mehrere Tiere derselben Art auf engem Raum oder besteht der Verdacht auf Vergiftung beziehungsweise eine ansteckende Erkrankung, sollte das zuständige Veterinäramt, die Untere Naturschutzbehörde oder das örtliche Forstamt informiert werden.
Hilfreich sind Fotos, das Datum, die genaue Fundstelle und die Anzahl der Tiere. Diese Angaben können Fachstellen dabei unterstützen, einzuschätzen, ob weitere Untersuchungen erforderlich sind. Kadaver sollten nicht eigenmächtig eingesammelt oder transportiert werden, sofern dies nicht mit der zuständigen Stelle abgesprochen wurde.
Ein Wald besteht nicht nur aus Bäumen
Wenn Wälder unter Trockenheit leiden, sehen wir zuerst braune Blätter, kahle Kronen und abgestorbene Bäume. Doch ein Wald ist weit mehr als sein sichtbarer Pflanzenbestand. Er besteht ebenso aus Pilzen, Bakterien, Würmern, Insekten, Spinnen, Schnecken, Amphibien, Vögeln und Säugetieren. Sie alle sind durch Nahrung, Fortpflanzung, Zersetzung, Bodenbildung und unzählige weitere Beziehungen miteinander verbunden.
Drei tote Maulwürfe und eine tote Maus mögen auf den ersten Blick klein erscheinen angesichts vertrocknender Wälder und sinkender Wasserstände. Ökologisch sind sie jedoch keineswegs bedeutungslos. Jeder dieser Körper steht für einen Platz im Nahrungsnetz, für eine Funktion im Boden und für eine Verbindung zu vielen anderen Lebewesen.
Die Tiere am Wegesrand machen sichtbar, was sich sonst weitgehend unbemerkt unter Laub, Gras und Erde abspielt. Die Trockenheit verändert nicht nur das Landschaftsbild. Sie greift in die Lebensgrundlagen ganzer Artengemeinschaften ein – von den kleinsten Bodenorganismen bis zu den großen Beutegreifern.
Und möglicherweise begegnet uns das Ausmaß dieser Veränderung gerade deshalb so deutlich, weil selbst die Tiere, die normalerweise im Verborgenen leben, keinen sicheren Rückzugsort mehr finden.

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