Inhaltsverzeichnis
Inhaltsstoffe, Wirkung, Anwendung und sichere Verarbeitung
Im Spätsommer ist die Eberesche kaum zu übersehen. Ihre orangefarbenen bis scharlachroten Fruchtstände leuchten schon von Weitem, während viele andere Gehölze noch ganz auf Grün eingestellt sind. Für Vögel ist damit das Buffet eröffnet. Bei uns Menschen löst derselbe Anblick dagegen oft eine alte Warnung aus: „Vogelbeeren sind giftig.“ Ganz falsch ist das nicht, ganz richtig aber ebenso wenig.
Die Eberesche ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie wenig sich Pflanzen in einfache Schubladen stecken lassen. Ihre rohen Früchte sind wegen bestimmter Inhaltsstoffe nicht zum unbekümmerten Naschen geeignet. Sorgfältig erhitzt werden sie jedoch seit Langem zu Mus, Gelee, Saft, Likör oder herbfruchtigen Würzmitteln verarbeitet. Zugleich beschäftigen sich Forschende mit ihren Polyphenolen, Carotinoiden und organischen Säuren. Was im Labor vielversprechend aussieht, ist allerdings noch lange keine nachgewiesene Heilwirkung beim Menschen.
Genau an dieser Stelle wird die Eberesche besonders interessant: nicht als verkannte „Wunderbeere“, sondern als Wildobst, Kulturpflanze, ökologischer Knotenpunkt und Gegenstand einer Forschung, die noch überwiegend am Anfang steht.
Eberesche, Vogelbeere oder doch Esche?
Die Gewöhnliche Eberesche trägt den botanischen Namen Sorbus aucuparia und gehört zur Familie der Rosengewächse. Mit der Gemeinen Esche (Fraxinus excelsior) ist sie nicht näher verwandt. Die Ähnlichkeit ihrer gefiederten Blätter hat ihr lediglich den deutschen Namen eingebracht. Ein genauer Blick hilft bei der Unterscheidung: Bei der Eberesche stehen die Blätter wechselständig an den Zweigen, bei der Esche gegenständig. Außerdem bleiben an den reifen Vogelbeeren die Kelchblätter als kleiner dunkler Stern erhalten. Botanisch sind die Früchte übrigens keine echten Beeren, sondern kleine Apfelfrüchte.
Der Artname aucuparia verweist auf eine weniger freundliche historische Verwendung. Er lässt sich sinngemäß mit Vogelfang verbinden: Die Früchte wurden als Lockmittel eingesetzt. Der Name Vogelbeere erzählt damit nicht nur von den Tieren, die sie fressen, sondern auch von einer früheren Jagdpraxis.
Die Eberesche wächst als schlanker Baum oder mehrstämmiger Strauch und erreicht je nach Standort meist etwa 10 bis 15 Meter, unter guten Bedingungen auch mehr. Im Mai und Juni öffnen sich zahlreiche cremeweiße Blüten in breiten Schirmrispen. Ihr Geruch ist für menschliche Nasen nicht unbedingt ein Parfümerlebnis, lockt aber verschiedene Insekten an. Ab August reifen die Früchte; häufig bleiben sie bis weit in den Herbst oder Winter am Baum.
Verwechslungen innerhalb der Gattung Sorbus sind möglich. Mehlbeere, Speierling und Elsbeere gehören in denselben weiteren Verwandtschaftskreis, sind aber nicht mit der Gewöhnlichen Eberesche gleichzusetzen. Auch Zuchtformen wie die Mährische Eberesche, häufig unter Namen wie Sorbus aucuparia ‘Edulis’ oder ‘Moravica’ angeboten, unterscheiden sich geschmacklich von der bittereren Wildform. Wer sammelt, sollte die Art deshalb sicher bestimmen und nicht allein nach der roten Fruchtfarbe gehen.
Wie gut sind die Wirkungen wissenschaftlich belegt?
Für eine medizinische Anwendung der Eberesche gibt es derzeit keine überzeugende klinische Evidenz. Es fehlen hochwertige kontrollierte Humanstudien, aus denen sich eine Wirksamkeit, eine therapeutische Dosierung oder ein verlässliches Sicherheitsprofil ableiten ließen. Auch eine anerkannte europäische Arzneipflanzenmonografie mit medizinischen Anwendungsgebieten und Dosierungsangaben liegt für Sorbus aucuparia nicht vor.
Die aktuelle Forschung besteht vor allem aus Analysen der Inhaltsstoffe sowie aus Zellversuchen, chemischen Testsystemen und einzelnen Tiermodellen. Untersucht werden unter anderem antioxidative, entzündungsbezogene, antimikrobielle, blutzuckerbezogene und gefäßbiologische Effekte von Extrakten. Solche Arbeiten können Wirkmechanismen sichtbar machen und neue Forschungsfragen eröffnen. Sie zeigen aber nicht, dass der Verzehr von Vogelbeergelee eine Krankheit behandelt oder ein Extrakt beim Menschen dieselbe Wirkung entfaltet. Konzentration, Aufnahme, Stoffwechsel und erreichbare Gewebespiegel unterscheiden sich erheblich von einer Petrischale.
Wir betrachten die Eberesche daher in erster Linie als verarbeitungsbedürftiges Wildobst. Ihre traditionelle Verwendung gehört zur Kulturgeschichte; ihre pharmakologische Bedeutung ist bislang eine Forschungsfrage.
Inhaltsstoffe: sauer, herb und chemisch erstaunlich vielfältig
Die Zusammensetzung der Früchte schwankt deutlich. Sorte, Standort, Reifegrad, Witterung, Erntezeit und Verarbeitung beeinflussen die gemessenen Werte. Eine einzelne Nährstoffzahl beschreibt „die Vogelbeere“ deshalb nur unzureichend.
Typisch sind organische Säuren wie Apfel- und Zitronensäure, Zucker und Zuckeralkohole, Pektine sowie Gerbstoffe. Besonders bekannt ist Sorbit, ein Zuckeralkohol, der seinen Namen sogar der Gattung Sorbus verdankt: Aus Vogelbeeren wurde Sorbit im 19. Jahrhundert erstmals isoliert. Heute wird Sorbit industriell überwiegend anders hergestellt, doch die sprachliche Spur führt noch immer zurück zur Eberesche.
Hinzu kommen verschiedene Polyphenole. Dazu zählen insbesondere Chlorogensäuren sowie Flavonoide wie Quercetin- und Kaempferol-Verbindungen. Anthocyane spielen bei vielen dunkelblauen oder schwarzen Beeren die Hauptrolle; bei den orange-roten Vogelbeeren prägen dagegen Carotinoide die Farbe stärker. Je nach Frucht und Untersuchungsmethode werden unter anderem Beta-Carotin und weitere Xanthophylle erfasst. Vitamin C ist ebenfalls enthalten, wobei Lagerung und Erhitzung den Gehalt vermindern können.
Für Geschmack und Verträglichkeit sind außerdem Bitter– und Gerbstoffe sowie die Parasorbinsäure entscheidend. Gerade dieser Stoff ist der Grund, weshalb wir rohe Früchte nicht als Snack empfehlen. In den Samen kommen zusätzlich cyanogene Glycoside vor. Sie können bei Beschädigung der Samen Blausäure freisetzen. Das ist ein weiterer guter Grund, die Kerne nicht gezielt zu zermahlen oder separat zu verwenden.
Parasorbinsäure: Was hinter der Giftwarnung steckt
Rohe Vogelbeeren können Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall auslösen. Als wesentlicher problematischer Inhaltsstoff gilt Parasorbinsäure, genauer ihr lactonischer Anteil. Beim Erhitzen wird sie in die deutlich besser verträgliche Sorbinsäure überführt. Sorbinsäure und ihre Salze sind vielen Menschen als Konservierungsstoffe bekannt, weil sie das Wachstum verschiedener Hefen und Schimmelpilze hemmen.
Aus diesem chemischen Zusammenhang entstand gelegentlich die verkürzte Behauptung, Vogelbeeren seien entweder grundsätzlich tödlich giftig oder nach dem ersten Frost automatisch harmlos. Beides greift zu kurz. Die aufgenommene Menge, der Reifezustand, die individuelle Empfindlichkeit und die Verarbeitung spielen eine Rolle. Frost kann Früchte weicher und geschmacklich milder machen, ersetzt aber keine kontrollierte Erhitzung. Für die Küche ist gründliches Kochen deshalb die verlässlichere Vorgehensweise.
Auch süßere Kulturformen sollten wir nicht automatisch wie Heidelbeeren roh essen. Ein milder Geschmack beweist nicht, dass alle unerwünschten Stoffe verschwunden sind. Wer Ebereschenfrüchte nutzt, verarbeitet sie erhitzt und probiert zunächst eine kleine Menge des fertigen Lebensmittels.
Wenn nach dem Verzehr roher Früchte Beschwerden auftreten, sollte fachlicher Rat eingeholt werden. Bei Kindern, größeren aufgenommenen Mengen oder deutlichen Symptomen ist ein Giftinformationszentrum beziehungsweise ärztliche Hilfe die richtige Anlaufstelle. Pflanzenreste oder Fotos können die Identifikation erleichtern.
Was die Polyphenole im Labor tun
Viele Forschungsarbeiten konzentrieren sich auf die phenolreichen Fruchtextrakte. Polyphenole können Elektronen abgeben, reaktive Moleküle abfangen, Metallionen binden oder Enzyme beeinflussen. In chemischen Antioxidationstests lässt sich das vergleichsweise einfach messen. Ein Extrakt, der in einem Reagenzglas Radikale neutralisiert, ist jedoch nicht automatisch ein „Antioxidans im Körper“. Nach dem Essen werden die Verbindungen verdaut, umgebaut, aufgenommen oder von Darmmikroorganismen verändert. Im Blut und Gewebe liegen häufig andere Moleküle und viel niedrigere Konzentrationen vor.
Zell- und Laborstudien berichten für Ebereschenextrakte unter anderem eine Hemmung bestimmter entzündungsbezogener Reaktionen, einen Schutz von Zellen unter experimentell erzeugtem Stress sowie Effekte auf Proteinglykation. Bei der Glykation verbinden sich Zucker ohne enzymatische Steuerung mit Proteinen; dieser Prozess spielt unter anderem bei Alterungsprozessen und Diabetesfolgen eine Rolle. Andere Versuche untersuchen Enzyme des Kohlenhydratabbaus oder die Blutgerinnung.
Diese Ergebnisse sind mechanistisch interessant, aber nicht als Empfehlung gegen Diabetes, Entzündungen, Gefäßerkrankungen oder Alterungsprozesse zu lesen. Insbesondere konzentrierte Extrakte sind mit einer Portion gekochter Früchte nicht vergleichbar. Die Forschung liefert hier Hypothesen, keine fertigen Anwendungen.
Antimikrobielle und zellhemmende Effekte: spannend, aber leicht missverstanden
Auch gegen verschiedene Bakterien und Pilze wurden Ebereschenextrakte im Labor getestet. Manche Extrakte hemmten das Wachstum einzelner Testorganismen. Welche Wirkung beobachtet wird, hängt jedoch stark vom Lösungsmittel, der Extraktkonzentration, der jeweiligen Fruchtcharge und dem verwendeten Mikroorganismus ab. Ein alkoholischer oder acetonischer Laborextrakt ist weder Vogelbeersaft noch ein geprüftes Arzneimittel.
Ähnlich vorsichtig müssen wir Ergebnisse aus Versuchen mit Tumorzelllinien einordnen. Wenn ein Extrakt das Wachstum kultivierter Zellen hemmt, sagt das zunächst nur etwas über dieses Testsystem aus. Viele Substanzen wirken in hoher Konzentration zellschädigend, ohne sich als wirksame und sichere Krebsbehandlung zu eignen. Aus den bislang vorliegenden Untersuchungen lässt sich keine Anwendung der Eberesche gegen Krebs ableiten.
Traditionelle Verwendung: zwischen Vorratskammer und Hausapotheke
In verschiedenen Regionen Europas wurden Vogelbeeren als Lebensmittel und in der Volksmedizin genutzt. Gekochte Früchte dienten als Mus, Gelee, Sirup, Saft, Wein, Likör oder Branntwein. Wegen ihrer kräftigen Säure und herben Noten wurden sie häufig mit Äpfeln, Birnen oder anderen milderen Früchten kombiniert. Auch heute funktioniert diese Verbindung gut: Die Eberesche liefert Charakter, die Partnerfrucht sorgt dafür, dass das Ergebnis nicht wie eine Mutprobe schmeckt.
Volksmedizinisch finden sich Hinweise auf Anwendungen bei Verdauungsbeschwerden, Durchfall oder Verstopfung, bei Erkältungen, Harnwegsbeschwerden, Gicht und rheumatischen Beschwerden. Diese zum Teil gegensätzlich wirkenden Zuschreibungen zeigen bereits, wie stark Zubereitung, Menge und regionale Überlieferung voneinander abwichen. Gerbstoffreiche Zubereitungen wurden eher mit zusammenziehenden Wirkungen verbunden, während rohe beziehungsweise größere Fruchtmengen den Darm reizen und abführend wirken können.
Historische Anwendungen sind wertvolle Quellen dafür, wie Menschen Pflanzen wahrnahmen und nutzten. Sie ersetzen aber keine Wirksamkeitsprüfung. Wir können aus ihnen Forschungsfragen gewinnen, sollten sie jedoch nicht rückwirkend als klinische Belege behandeln.
Von Skorbut bis Rheuma: plausible Idee oder belegte Therapie?
Aufgrund ihres Vitamin-C-Gehalts wurden Vogelbeeren in Zeiten begrenzter Lebensmittelauswahl auch als Vitaminquelle geschätzt. Das ist ernährungs- und kulturgeschichtlich nachvollziehbar. Für die heutige Vorbeugung oder Behandlung eines Mangels sind standardisierbare Lebensmittel beziehungsweise medizinisch abgeklärte Maßnahmen allerdings geeigneter. Zudem geht beim Kochen ein Teil des hitzeempfindlichen Vitamins verloren, während genau dieses Erhitzen für die sichere Verarbeitung wichtig ist.
Die traditionelle Verwendung bei Gicht und Rheuma wird gelegentlich mit harntreibenden oder entzündungshemmenden Eigenschaften erklärt. Für eine klinisch relevante Wirkung fehlen jedoch belastbare Nachweise. Wer entsprechende Beschwerden hat, sollte Vogelbeerprodukte nicht an die Stelle einer Diagnose oder Behandlung setzen. Gerade bei Gicht können Ernährung, Begleiterkrankungen und Medikamente eine wichtige Rolle spielen, die ein Wildfruchtprodukt nicht abbildet.
Anwendung in der Küche: Erhitzen statt Experimentieren
Für Ebereschenfrüchte gibt es keine medizinisch begründete Dosierung. Sinnvoll sind ausschließlich übliche Lebensmittelmengen aus sicher bestimmten und gründlich erhitzten Früchten. Konzentrierte Pulver, Tinkturen oder selbst angesetzte Heilpräparate lassen sich daraus nicht ableiten.
Für die Verarbeitung wählen wir voll ausgereifte, unbeschädigte Früchte, entfernen Stiele, Blätter und verdorbene Exemplare und waschen die Dolden gründlich. Die Früchte sollten vollständig durchgekocht werden. Anschließend lassen sie sich durch ein Sieb oder eine Flotte Lotte passieren, sodass Kerne und feste Bestandteile zurückbleiben. Gute Kombinationen sind Apfel, Birne oder Quitte. Sie harmonieren geschmacklich mit der herben Säure und bringen zusätzlich Pektin oder natürliche Süße mit.
Mögliche Küchenideen sind:
- Vogelbeer-Apfel-Gelee
- gekochtes Vogelbeer-Birnen-Mus
- ein herbfruchtiges Chutney
- Sirup aus gekochtem und abgeseihtem Fruchtsaft
- kleine Mengen als säuerlich-herbe Komponente in einer Fruchtsoße
Ob das Endprodukt haltbar ist, hängt nicht von der Eberesche allein ab. Zuckergehalt, Säure, Sauberkeit, Erhitzungsdauer und Abfüllung müssen zum jeweiligen Rezept passen. Wer einkocht, sollte daher ein geprüftes Rezept verwenden und nicht frei an Zucker- oder Säuremengen drehen.
Sammeln mit Augenmaß
Die Eberesche steht vielerorts an Waldrändern, in Gebüschen, Parks, Gärten und an Straßen. Nicht jeder leuchtende Fruchtstand gehört jedoch in den Kochtopf. An stark befahrenen Straßen, auf belasteten Flächen, in Schutzgebieten oder auf fremdem Grund sammeln wir nicht ohne Weiteres. Auch gespritzte Ziergehölze sind keine gute Wildobstquelle.
Wir nehmen nur so viel, wie wir tatsächlich verarbeiten. Die Früchte sind für zahlreiche Vogelarten und verschiedene Säugetiere wichtige Nahrung. Besonders im Herbst und Winter können sie wandernden oder überwinternden Vögeln Energie liefern. Einen Baum leerzupflücken wäre deshalb weder notwendig noch ökologisch klug.
Bei der Bestimmung achten wir auf die gefiederten Blätter mit gezähnten Fiederblättchen, die wechselständige Blattstellung, die dichten Fruchtstände und den dunklen Kelchstern an jeder Apfelfrucht. Wer unsicher ist, lässt die Früchte hängen und bestimmt den Baum mithilfe mehrerer Merkmale oder mit fachkundiger Unterstützung.
Risiken, Gegenanzeigen und sensible Personengruppen
Die wichtigste Sicherheitsregel lautet: Wildformen nicht roh in größeren Mengen essen, die Samen nicht gezielt zerkleinern und die Früchte für Lebensmittel gründlich erhitzen. Rohe Früchte können den Magen-Darm-Trakt reizen. Auch gekochte Produkte können wegen ihrer Säure, Gerbstoffe oder des Sorbitgehalts bei empfindlichen Menschen Beschwerden verursachen. Sorbit kann in größeren Mengen Blähungen und Durchfall fördern; Menschen mit Sorbitunverträglichkeit müssen entsprechend vorsichtig sein.
Bei einer Allergie gegen Eberesche oder Bestandteile des Produkts ist der Verzehr zu meiden. Für Schwangerschaft, Stillzeit und kleine Kinder gibt es keine belastbare Grundlage für konzentrierte oder medizinisch gedachte Zubereitungen. Als ungewöhnliches Wildobstprodukt sollte die Eberesche auch hier nicht ohne sicheren Anlass und fachkundige Einschätzung eingesetzt werden.
Selbst hergestellte Extrakte aus Blättern, Rinde, Blüten oder Samen gehören nicht in die Hausapotheke. Die chemische Zusammensetzung unterscheidet sich von jener gekochter Früchte, und weder sichere Dosierungen noch ein Nutzen sind ausreichend geklärt.
Wechselwirkungen mit Medikamenten
Systematische klinische Untersuchungen zu Wechselwirkungen zwischen Ebereschenzubereitungen und Medikamenten fehlen. Daher können wir weder gesicherte Interaktionen nennen noch Entwarnung für konzentrierte Präparate geben. Laborbefunde zur Blutgerinnung, zu Enzymen des Zuckerstoffwechsels oder zu entzündungsbezogenen Prozessen sind kein Beweis für eine Wechselwirkung beim Menschen, liefern aber auch keinen Freibrief für hoch dosierte Extrakte.
Wer Medikamente zur Blutgerinnung oder Blutzuckersenkung einnimmt, an einer Nieren- oder Lebererkrankung leidet oder regelmäßig Arzneimittel verwendet, sollte konzentrierte Ebereschenprodukte nicht auf eigene Faust einsetzen. Bei normalem gelegentlichem Verzehr eines gekochten Lebensmittels sind keine spezifischen klinisch dokumentierten Wechselwirkungen bekannt. Das gilt jedoch nicht automatisch für Extrakte, Pulver oder Tinkturen, deren Konzentration und Zusammensetzung stark abweichen können.
Ein Baum, der Landschaften verbindet
Ökologisch ist die Eberesche wesentlich größer als ihre oft schlanke Gestalt vermuten lässt. Sie kommt über weite Teile Europas und bis nach Nordasien vor, wächst vom Tiefland bis in Gebirgslagen und erträgt Frost, Wind sowie kurze Vegetationsperioden. Als Pioniergehölz besiedelt sie Lichtungen, Waldränder, felsige Standorte und gestörte Flächen. Auf armen Böden bleibt sie eher strauchförmig, unter günstigeren Bedingungen entwickelt sie sich zum Baum.
Ihre Blüten werden von Insekten besucht, ihre Früchte von zahlreichen Vogelarten und Säugetieren gefressen. Die Samen überstehen die Darmpassage vieler Vögel und gelangen so an neue Standorte. Was wir als dekorativen roten Fruchtstand sehen, ist also zugleich ein ausgeklügeltes Transportsystem: Die Eberesche stellt Fruchtfleisch bereit, ein Vogel übernimmt den Fernverkehr.
Diese Beziehung erklärt auch, weshalb einzelne Ebereschen an überraschenden Orten auftauchen, etwa in Felsspalten, Mauern oder Astgabeln. Der Baum muss dort nicht gepflanzt worden sein; häufig war ein Vogel der Gärtner.
Kulturgeschichte: Schutzbaum, Orakel und widerstandsfähiges Holz
Um die Eberesche ranken sich in Nord- und Mitteleuropa zahlreiche Erzählungen. Sie galt regional als Schutzbaum gegen Unheil, wurde an Häusern, Höfen oder Viehweiden gepflanzt und fand Eingang in Wetterregeln. Solche Vorstellungen gehören zur Kulturgeschichte und nicht zur Botanik oder Medizin. Gerade deshalb sind sie interessant: Sie zeigen, welchen Stellenwert ein auffälliger, frostharter und nahrungsreicher Baum im Alltag früherer Gemeinschaften hatte.
Das Holz der Eberesche ist fein, zäh und elastisch. Es wurde unter anderem für Drechselarbeiten, Werkzeugteile und Gebrauchsgegenstände verwendet. Damit war der Baum nicht nur Nahrungsquelle und Symbol, sondern ein ganz praktischer Begleiter.
Auch die Züchtung erzählt von menschlicher Neugier. Süßere, weniger bittere Auslesen machten die Früchte küchentauglicher. Dennoch bleibt die Eberesche ein Nischenobst. Vielleicht liegt genau darin ihr Reiz: Sie fordert Verarbeitung, Wissen und ein wenig Geduld, statt sich direkt vom Zweig wegzuessen.
Was aktuelle Forschung tatsächlich beitragen kann
Neuere Studien vergleichen Wildherkünfte und Sorten, untersuchen Nebenprodukte wie Pressrückstände und testen, wie Trocknung, Extraktion oder Erhitzung die Zusammensetzung verändern. Für die Lebensmittelentwicklung ist das spannend. Trester enthält nach dem Pressen weiterhin Pektine, Ballaststoffe und phenolische Verbindungen und könnte künftig gezielter genutzt werden, statt als Abfall zu enden.
Gleichzeitig zeigt die starke Schwankung zwischen Proben, warum pauschale Gesundheitsversprechen problematisch sind. Ein Extrakt aus einer bestimmten Sorte, gewonnen mit einem bestimmten Lösungsmittel, lässt sich nicht ohne Weiteres auf einen Tee, ein Gelee oder ein Nahrungsergänzungsmittel übertragen. Forschung an der Eberesche ist daher nicht nur die Suche nach Wirkungen. Sie ist auch die Suche nach geeigneten Sorten, sicheren Verarbeitungsverfahren, stabilen Qualitätsmerkmalen und realistischen Einsatzgebieten.
Vielleicht ist das die überraschendste Seite dieses vertrauten Baumes: Die Eberesche steht nicht zwischen „giftig“ und „heilend“, sondern zwischen Ökologie, Küche, Chemie und Kultur. Während wir noch darüber diskutieren, in welche Schublade sie gehört, haben die Vögel längst entschieden. Für sie ist der leuchtende Fruchtstand keine Behauptung, sondern eine Einladung.
Inhaltsstoffe:
- Parasorbinsäure
- Sorbinsäure
- Apfelsäure
- Zitronensäure
- Sorbit
- Zucker
- Pektine
- Gerbstoffe
- Chlorogensäuren
- Flavonoide
- Quercetinverbindungen
- Kaempferolverbindungen
- Carotinoide
- Beta-Carotin
- Xanthophylle
- Vitamin C
- cyanogene Glycoside in den Samen
Heilwirkungen:
- antioxidativ
- entzündungshemmend
- antimikrobiell
- zellschützend
- zusammenziehend
- verdauungsfördernd
- mild abführend
- blutzuckerregulierend
- gefäßschützend
Anwendungsgebiete:
- Vitamin-C-Mangel
- Verdauungsbeschwerden
- Durchfall
- Verstopfung
- Erkältungen
- Harnwegsbeschwerden
- Gicht
- rheumatische Beschwerden

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TraPe
14. August 2024Bei uns in Südthüringen gibt es 2 verschiedene Sorten von der Vogelbeere.
Die eine Art ist knallrot und die andere ist dunkelorgange. Ich habe leider nicht nicht herausgefunden welche nicht so bitter ist. Aber meine Familie liebt die Marmelade und den Schnaps der Vogelbeere