Fliegenpilz: Zwischen Waldmedizin, Zwergenreich und Weihnachtszauber

Fliegenpilz: Zwischen Waldmedizin, Zwergenreich und Weihnachtszauber

Naturheilkunde, traditionelle Verwendung, Trocknung und Mythen

Wenn Du im Herbst durch einen Wald gehst und zwischen Moos und gefallenem Laub plötzlich einen roten Hut entdeckst, verändert sich für einen Moment die ganze Szene. Eben war da noch ein gewöhnlicher Waldboden. Jetzt könnte hinter dem nächsten Baum ein Zwerg hervorschauen.

Kaum ein anderer Pilz bringt so viel Geschichtenstoff mit wie der Fliegenpilz. Er steht auf alten Glückwunschkarten, hängt als Schmuck am Weihnachtsbaum und wächst in Bilderbüchern vor winzigen Haustüren. Gleichzeitig kennen wir ihn als Giftpilz, vor dem schon Kinder gewarnt werden. In manchen naturheilkundlichen Kreisen wird er wiederum als traditionelles Mittel gegen Schmerzen, Unruhe oder Schlafprobleme betrachtet.

Wie passt das zusammen? Warum schenken wir uns einen giftigen Pilz als Glücksbringer? Woher kommen die Verbindungen zu Weihnachten, Zwergen und anderen Welten? Und wurde der Fliegenpilz tatsächlich durch die Kirche zum gefährlichen Außenseiter gemacht?

Wir nehmen Dich mit auf eine Reise zwischen Waldboden, Volksmedizin und Bilderwelt. Dabei dürfen Geschichten Geschichten bleiben. Historische Verwendung, märchenhafte Deutung und nachgewiesene Wirkung halten wir auseinander: Die psychoaktiven Eigenschaften des Fliegenpilzes sind gut dokumentiert, seine beworbenen therapeutischen Anwendungen dagegen bislang nicht durch belastbare klinische Studien abgesichert. Das schmälert seine kulturgeschichtliche Bedeutung nicht, setzt aber Grenzen für eine medizinische Empfehlung.

Der rote Hut ist nur die sichtbare Hälfte der Geschichte

Der Fliegenpilz heißt wissenschaftlich Amanita muscaria und gehört zu den Wulstlingen. Er ist keine Pflanze, sondern Teil des eigenen Reichs der Pilze. Was wir zwischen den Blättern entdecken, ist sein Fruchtkörper. Sein feines Pilzgeflecht, das Myzel, bleibt unseren Blicken größtenteils verborgen.

Mit bestimmten Bäumen geht er eine enge Partnerschaft ein. Der Baum versorgt den Pilz mit energiereichen Kohlenstoffverbindungen, der Pilz unterstützt die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen. Diese Verbindung nennen wir Mykorrhiza. Wenn wir Fliegenpilze unter Birken oder Kiefern finden, begegnen wir also einer Lebensgemeinschaft, von der oberirdisch nur ein kleiner Ausschnitt sichtbar wird.

Auch seine weißen Punkte erzählen vom Verborgenen. Sie sind Reste einer Hülle, die den jungen Fruchtkörper umschlossen hat. Beim Wachstum reißt sie auf und bleibt stellenweise am Hut haften. Der Pilz trägt damit gewissermaßen Spuren seiner Kinderstube auf dem Kopf. Anzahl und Verteilung dieser Hüllreste können unterschiedlich sein, ebenso die Intensität seiner roten bis orangefarbenen Töne.

Für uns macht gerade das seinen Reiz aus. Selbst ein so bekanntes Waldwesen sieht bei näherer Betrachtung jedes Mal ein wenig anders aus.

Naturheilkundlich betrachtet: eine Geschichte jenseits des Rausches

Wenn wir über die traditionelle Verwendung des Fliegenpilzes sprechen, denken wir häufig zuerst an Rituale und ungewöhnliche Bewusstseinszustände. Seine volksmedizinische Verwendung ist jedoch breiter.

Die Ethnomykologin Maret Saar dokumentierte die Verwendung verschiedener Pilze in der Volksmedizin der Chanten in Westsibirien, darunter auch Amanita muscaria. Damit haben wir einen konkreten ethnografischen Bezug und müssen uns nicht mit einer vagen Behauptung über „uraltes Wissen“ begnügen.

Andere zusammengetragene Überlieferungen beschreiben den Fliegenpilz als Mittel gegen Erschöpfung, zur Unterstützung des Schlafs oder im Zusammenhang mit Schmerzen. Aus Teilen Russlands und Osteuropas sind äußerliche Anwendungen bei Gelenkbeschwerden und schmerzenden Körperstellen überliefert. Dazu gehörten alkoholische Auszüge und andere Zubereitungen.

Wir finden daran besonders interessant, dass derselbe Pilz in unterschiedlichen Zusammenhängen sowohl mit Ruhe als auch mit Ausdauer verbunden wurde. Solche Berichte erzählen zunächst von menschlicher Erfahrung, lokalen Gewohnheiten und kulturellen Erwartungen. Sie zeigen uns, weshalb Menschen sich mit ihm beschäftigten; sie liefern noch keine verlässliche Anleitung für eine heutige Behandlung.

Aus naturheilkundlicher Sicht verdient diese Geschichte trotzdem Aufmerksamkeit. Volksmedizin ist mehr als eine Sammlung erfolgreicher Rezepte. Sie zeigt auch, wie Menschen Beschwerden wahrnahmen, welche Mittel ihnen zur Verfügung standen und wie eng Versorgung, Alltag und Weltbild miteinander verbunden waren.

Was im Fliegenpilz wirkt

Die wichtigsten Stoffe für seine typischen Wirkungen sind Ibotensäure und Muscimol. Ibotensäure wirkt an Rezeptoren des Botenstoffs Glutamat, der im Nervensystem überwiegend anregende Signale vermittelt. Muscimol aktiviert dagegen GABA-A-Rezeptoren. GABA ist der wichtigste hemmende Botenstoff im zentralen Nervensystem.

Wir können uns das vereinfacht wie ein Orchester vorstellen, in dem manche Signale zum Einsatz auffordern und andere dafür sorgen, dass Instrumente zur richtigen Zeit schweigen. Beides ist nötig. Greifen Stoffe in diese Abstimmung ein, verändert sich mehr als die Lautstärke: Aufmerksamkeit, Bewegung, Wahrnehmung und Wachheit können durcheinandergeraten.

Damit wird verständlich, weshalb Menschen sehr unterschiedliche Erfahrungen beschreiben. Benommenheit und Unruhe, traumartige Wahrnehmungen und Verwirrtheit können zum selben Wirkungsspektrum gehören. Die Zusammensetzung des Pilzmaterials spielt dabei eine Rolle. Ein schlichtes „beruhigend“ wird diesem Geschehen nicht gerecht.

Muscarin, dessen Name so eng mit dem Fliegenpilz verbunden ist, hat dagegen eine überraschend kleine Rolle. Es kommt hier nur in Spuren vor und ist für die charakteristischen Vergiftungserscheinungen nicht oder nur eingeschränkt verantwortlich. Der berühmteste Name ist also nicht der wichtigste Akteur.

Trocknung: eine Veränderung, keine Zauberformel

Die Trocknung gehört zur Geschichte vieler traditioneller Naturmittel. Sie macht Materialien haltbarer und verändert manchmal auch ihre Inhaltsstoffe. Beim Fliegenpilz ist dieser zweite Punkt besonders wichtig.

Ibotensäure kann sich bei der Trocknung und durch Hitzeeinwirkung in Muscimol umwandeln. Dabei wird Kohlendioxid abgespalten; chemisch heißt das Decarboxylierung. Wir verändern damit das Verhältnis zweier wirksamer Substanzen. Muscimol ist selbst psychoaktiv und kann Vergiftungen verursachen. Trocknung ist deshalb keine 100 % erlässliche Entgiftung.

In manchen Darstellungen klingt es, als müsse lediglich ein bestimmter Verarbeitungsschritt richtig ausgeführt werden, um aus einem problematischen Pilz ein berechenbares Naturmittel zu machen. Tatsächlich können Herkunft, Jahreszeit und Verarbeitung seine Zusammensetzung beeinflussen. Ein trockenes Stück enthält außerdem weniger Wasser als ein frisches; ein Grammgewicht allein beschreibt daher nicht zuverlässig die Wirkung.

Wir können die Trocknung als historisches Verfahren und als chemischen Vorgang erklären. Daraus lässt sich aber kein allgemeingültiger Zeit- und Temperaturplan ableiten, der Sicherheit für eine Einnahme garantiert. Genau an dieser Stelle lohnt es sich, genauer zu lesen, wenn im Internet von „richtig vorbereitet“ gesprochen wird: Welche Stoffe wurden tatsächlich gemessen, und welche Sicherheit wird lediglich angenommen?

Fliegenpilztinkturen und die Tradition der Einreibung

Eine Tinktur ist grundsätzlich ein alkoholischer Auszug. Dabei gehen bestimmte Inhaltsstoffe aus dem Ausgangsmaterial in die Flüssigkeit über. Alkohol konserviert einen solchen Auszug, neutralisiert aber nicht automatisch die darin enthaltenen wirksamen Stoffe.

In der überlieferten Fliegenpilzmedizin begegnen uns solche Auszüge vor allem im Zusammenhang mit Einreibungen. Für Karelien und andere Regionen Russlands wurden Hausmittel dokumentiert, die bei Schmerzen oder Gelenkbeschwerden äußerlich eingesetzt wurden. Diese Anwendungen gehören zur Volksmedizin des Pilzes und verdienen eine genauere Betrachtung als die pauschale Behauptung, er sei ausschließlich ein Rauschmittel gewesen.

Bei der Tinkturherstellung stellt sich allerdings eine grundlegende Frage: Was befindet sich am Ende tatsächlich in der Flasche? Ein festes Verhältnis von Pilzmaterial zu Flüssigkeit standardisiert zunächst nur den Ansatz. Es gleicht schwankende Ausgangsgehalte nicht aus und sagt für sich genommen nichts über Wirksamkeit oder Verträglichkeit.

Auch „nur äußerlich“ ist kein automatischer Sicherheitsnachweis. Für selbst hergestellte Fliegenpilztinkturen fehlen ausreichend abgesicherte Angaben zu geeigneter Konzentration, Hautverträglichkeit und Aufnahme der relevanten Stoffe unter verschiedenen Anwendungsbedingungen. Wir beschreiben deshalb die Herstellung als Extraktionsprinzip und historische Praxis, geben aber kein Rezept mit Ansatzmengen oder Anwendungsschema. Eine solche Genauigkeit würde mehr Sicherheit versprechen, als die Daten tragen.

Microdosing: die heutige Suche nach einer kleinen Wirkung

Beim Microdosing steht eine andere Absicht im Vordergrund als bei einem ausgeprägten Rausch. Anwendende möchten mit kleinen Mengen beispielsweise weniger innere Anspannung, besseren Schlaf oder eine veränderte Schmerzwahrnehmung erreichen. Häufig begegnen uns dabei Pulver, Kapseln oder flüssige Produkte.

Eine Untersuchung von 2023 befasste sich mit Gründen für die Einnahme, verwendeten Formen und berichteten unerwünschten Wirkungen. Solche Untersuchungen helfen uns, die tatsächliche Nutzung zu beschreiben. Sie sind jedoch keine kontrollierten Behandlungsstudien und können deshalb nicht zeigen, ob ein bestimmtes Einnahmeschema eine Erkrankung zuverlässig bessert.

Wir müssen die Menschen hinter diesen Erfahrungen nicht abwerten. Wer von weniger Schmerzen oder ruhigerem Schlaf berichtet, beschreibt zunächst etwas persönlich Erlebtes. Für eine medizinische Empfehlung müssen wir zusätzlich wissen, wie häufig die Wirkung eintritt, wie lange sie anhält und welche Risiken damit verbunden sind.

Das Wort „Mikro“ löst dabei das Dosierungsproblem nicht. Kleine Mengen eines unterschiedlich zusammengesetzten Ausgangsmaterials bleiben unterschiedlich zusammengesetzt. Hinzu kommen bislang unzureichend geklärte Fragen zur regelmäßigen und längerfristigen Einnahme. Eine aktuelle Übersicht beschreibt gerade diese Verbindung aus Gesundheitsversprechen, uneinheitlicher Dosierung und zunehmender Selbstanwendung.

Für uns ist Microdosing deshalb ein Thema, über das wir offen sprechen können, ohne es als bewährte naturheilkundliche Methode darzustellen. Eine sichere Gramm- oder Tropfendosis lässt sich derzeit nicht seriös empfehlen.

Der Große Rabe und die Kraft des Waldes

Die Geschichte des Fliegenpilzes wird besonders lebendig, wenn wir die europäischen Bilderbücher verlassen und nach Nordostasien schauen. In Überlieferungen der korjakischen Kultur begegnet uns der Große Rabe, eine zentrale Gestalt ihrer Erzählwelt.

Eine überlieferte Geschichte verbindet ihn mit einem Wal und den als wapaq bezeichneten Fliegenpilzen. Der Große Rabe braucht Kraft, um dem Wal seine Rückkehr zu ermöglichen; die Pilze helfen ihm dabei. Wir begegnen hier einer Erzählung über außergewöhnliche Hilfe und Verwandlung, nicht einer medizinischen Aussage über körperliche Leistungsfähigkeit.

Solche Geschichten sind weit mehr als schmückendes Beiwerk. Sie zeigen, welchen Platz ein Organismus im Denken einer Gemeinschaft hatte. Der Pilz konnte Teil einer Welt sein, in der Menschen, Tiere und andere Wesen miteinander in Beziehung standen. Wir müssen diese Weltsicht nicht übernehmen, um ihre erzählerische Kraft wahrzunehmen.

Dabei sollten wir unterschiedliche indigene Kulturen nicht zu einer einzigen „schamanischen Tradition“ zusammenfassen. Verwendung, Bedeutung und Regeln unterschieden sich. Gerade die konkreten Namen, Orte und Überlieferungen machen die Geschichte reichhaltiger als die Vorstellung eines überall gleichen Urwissens.

Wurde der Fliegenpilz von der Kirche verteufelt?

Diese Frage klingt nach einer Geschichte mit klaren Rollen: Hier das alte Naturwissen, dort eine Kirche, die es verdrängte. Für den Fliegenpilz lässt sich eine so geschlossene Erklärung jedoch nicht belegen.

Wir müssen zwischen dem allgemeinen Konflikt christlicher Autoritäten mit bestimmten als heidnisch oder magisch betrachteten Praktiken und einer gezielten Verfolgung dieses Pilzes unterscheiden. Die Behauptung, die Kirche habe den Fliegenpilz systematisch zum Giftpilz erklärt, um seine heilenden oder bewusstseinsverändernden Eigenschaften zu unterdrücken, braucht konkrete historische Nachweise. Für eine solche umfassende Geschichte haben wir keine belastbare Grundlage.

Besonders bekannt ist in diesem Zusammenhang ein mittelalterliches Fresko in der Kapelle von Plaincourault in Frankreich. Es zeigt Adam und Eva neben einer Baumform, die manche Betrachtende an einen großen Fliegenpilz erinnert. Daraus entstanden weitreichende Deutungen über Pilze und das frühe Christentum. Die Identifizierung ist jedoch umstritten: Eine pilzähnliche Form allein beweist weder Pilzkonsum noch einen verborgenen Kult.

Wir können die Frage nach religiöser Deutung also offenhalten, ohne eine Unterdrückungsgeschichte zu erfinden. Ebenso wichtig ist, dass die realen Vergiftungswirkungen nicht durch kirchliche Zuschreibungen entstanden sind. Seine Inhaltsstoffe wirken unabhängig davon, welche Geschichten Menschen über ihn erzählen.

Vielleicht ist „verteufelt“ ohnehin nur ein Teil seiner europäischen Geschichte. Derselbe Pilz, der Angst auslöste, wurde gleichzeitig liebevoll gezeichnet, verschenkt und als Glücksbringer aufgestellt. Unser Verhältnis zu ihm war nie ausschließlich ablehnend.

Warum ausgerechnet ein Giftpilz Glück bringt

Ein Glückssymbol muss nicht essbar sein. Es soll etwas ausdrücken: Hoffnung, Freude, einen guten Anfang. Auf Karten und in kleinen Dekorationen wird der Fliegenpilz aus seinem natürlichen Zusammenhang herausgelöst und zu einem Zeichen.

Seine genaue Entwicklung zum Glücksbringer lässt sich nicht auf einen einzigen belegten Ursprung zurückführen. Wir sollten deshalb vorsichtig sein mit Erklärungen, die ihn unmittelbar aus einem bestimmten Ritual oder einer bestimmten Gottheit ableiten. Seine auffällige Gestalt bietet jedenfalls eine naheliegende gestalterische Erklärung: Rot und Weiß sind leicht wiederzuerkennen, der Hut lässt sich mit wenigen Strichen zeichnen.

Dieser Wechsel zwischen Bedeutungen macht den Fliegenpilz so interessant. Wir müssen uns kulturell nicht für eine einzige Rolle entscheiden. Ein Pilz kann gleichzeitig gefährlich beim Verzehr, willkommen im Wald und freundlich auf einer Grußkarte sein.

Alte Weihnachtskarten: ein ganzer Märchenwald auf Papier

Fliegenpilze sind als Motive auf Weihnachtskarten und als Nachbildungen am Baum oder Kranz dokumentiert. Historische Weihnachtskarten waren viel verspielter, als wir heute oft erwarten. Das Victoria and Albert Museum zeigt beispielsweise viktorianische Karten mit sprechendem Gemüse, akrobatischen Katzen und anderen ungewöhnlichen Szenen. Die Kartenwelt war ein Ort für Humor, Fantasie und überraschende Bildideen. Nicht jedes Motiv musste eine religiöse Bedeutung tragen.

Vor diesem Hintergrund können wir die Fliegenpilze als Teil einer märchenhaften Festtagswelt lesen. Wald, kleine Wesen, Schnee und Glückswünsche passen auf dem Papier zusammen, auch wenn sie im wirklichen Jahreslauf nicht gleichzeitig auftreten. Eine Weihnachtskarte ist schließlich kein botanischer Monatskalender.

Diese Bildsprache eröffnet einen eigenen Zauber: Der winterliche Wald wird bewohnt, freundlich und voller kleiner Geheimnisse. Ein roter Pilzhut kann darin ebenso selbstverständlich auftauchen wie eine beleuchtete Zwergentür.

Ist der Weihnachtsmann ein verkleideter Fliegenpilz?

Die berühmte Theorie verbindet rote Kleidung, weiße Säume, Rentiere und den Weg durch den Schornstein mit nordischen oder sibirischen Pilztraditionen. Als Erzählung ist das ausgesprochen reizvoll. Die Ähnlichkeiten springen uns geradezu entgegen.

Historisch ist die Verbindung jedoch nicht ausreichend belegt. Der Nordistikforscher Tim Frandy weist besonders auf problematische Zuschreibungen gegenüber den Sámi hin: Die populäre Geschichte vermischt unterschiedliche Kulturen und stellt spekulative Einzelheiten wie gesicherte Traditionen dar. Die belegbare Entwicklung des Weihnachtsmanns führt unter anderem über den heiligen Nikolaus, Sinterklaas und spätere literarische und bildliche Darstellungen.

Wir müssen die Pilztheorie deshalb nicht aus jeder Weihnachtsunterhaltung verbannen. Wir können sie als moderne Legende erzählen: eine fantasievolle Verbindung von Farben, Waldwesen und Winterbildern. Ihr Reiz bleibt erhalten, wenn wir ihren Status benennen.

Und vielleicht sagt sie gerade dadurch etwas über uns aus. Wir suchen hinter vertrauten Festtagsfiguren gern eine ältere, geheimnisvollere Welt. Der Fliegenpilz scheint dafür wie geschaffen.

Zwerge und Fliegenpilze: Nachbarschaft im Bilderbuch

Die Verbindung zwischen kleinen Waldwesen und dem rot-weißen Pilz ist in der europäischen Märchenillustration vertraut. Feen, Kobolde und ähnliche Gestalten werden häufig auf oder unter solchen Pilzhüten dargestellt. Daraus lässt sich jedoch keine einheitliche historische Erklärung für sämtliche Zwergenbilder ableiten.

Als Bild verstehen wir diese Nachbarschaft sofort. Sobald wir uns selbst auf Zwergengröße denken, verändert ein Pilz seine Funktion. Sein Hut wird zum Dach, sein Stiel zur Säule, das Moos zum weichen Boden vor einer Haustür. Aus einem Fund am Wegesrand entsteht eine bewohnbare Landschaft.

Auch die Größenverhältnisse laden zum Erzählen ein. Wir sehen etwas Kleines, das für ein noch kleineres Wesen groß wäre. Genau dieser Perspektivwechsel macht viele Kinderbuchbilder so lebendig. Der Fliegenpilz ist dafür besonders geeignet, weil wir seine Silhouette sofort erkennen.

Manchmal werden solche Motive unmittelbar mit veränderten Größenwahrnehmungen nach psychoaktiven Erfahrungen erklärt. Als mögliche Deutung können wir darüber sprechen; eine belegte Entstehungsgeschichte der Zwergenillustration ist damit nicht gegeben. Auch die Fantasie selbst kann aus einem Pilzhut ein Haus machen.

Respekt gehört zur Begegnung dazu

Wir können den Fliegenpilz faszinierend finden und seine traditionelle Verwendung ernst nehmen, ohne seine Risiken kleinzureden. Vergiftungen können Übelkeit, Verwirrtheit, Koordinationsprobleme, starke Benommenheit und in schweren Fällen Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit verursachen. Tödliche Verläufe sind selten, aber beschrieben. An dieser Stelle möchten wir klarstellen, dass wir nicht zu einer Verwendung des Fliegenpilzes raten und hier jeder selbst für sein Handeln verantwortlich ist.

Besondere Vorsicht gilt bei Kindern sowie beim Zusammentreffen mit Alkohol oder dämpfenden Medikamenten. Aus der Wirkung auf das Nervensystem ergibt sich die Sorge vor verstärkter Benommenheit und Atemproblemen; auch klinische Berichte beschreiben entsprechende Herausforderungen. Für Schwangerschaft und Stillzeit lässt sich keine sichere Anwendung begründen.

Bei einer vermuteten Aufnahme holen wir Rat bei einem Giftinformationszentrum ein. Bei Atemproblemen, Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit gilt 112. Pilzreste oder Produktverpackungen sollten aufgehoben werden; Erbrechen lösen wir nicht eigenständig aus.

Wenn Du ihm das nächste Mal im Wald begegnest, kannst Du dennoch einen Moment bei ihm bleiben. Schau auf den roten Hut, die ungleichmäßigen weißen Hüllreste und die Bäume ringsum. Vielleicht denkst Du an eine alte Weihnachtskarte, an den Großen Raben oder an ein winziges Fenster unter dem Pilzdach.

Wir wissen dann, welche Geschichten überliefert sind, welche wir deuten und welche wir selbst hinzuerfinden. Und zwischen all diesen Geschichten steht der Fliegenpilz im Moos, mit seinem eigenen Leben und einer Partnerschaft zu den Bäumen, die schon lange vor unserem Blick begonnen hat.

Inhaltsstoffe:

  • Ibotensäure
  • Muscimol
  • Muscarin
  • Betalaine
  • Pigmente (Farbstoffe)

Heilwirkungen:

  • schmerzlindernd bei Rheuma, Arthritis und Muskelverspannungen
  • beruhigend
  • schlaf- und entspannungsfördernd
  • mindert Angstzuständen und Stress
  • unterstützend bei Depressionen (in niedrigen Dosierungen, noch in Erforschung)
  • traditionelle Anwendung in schamanischen Ritualen

Anwendungsgebiete:

  • Herstellung von Salben und Tinkturen zur Schmerzlinderung
  • Unterstützung bei Schlafproblemen
  • Beruhigung des Nervensystems bei Stress und Angst
  • traditionelle spirituelle Praktiken und Rituale
  • potenzielle Anwendungen bei neurologischen Erkrankungen (in Forschung)
  • Unterstützung bei chronischem Stress und psychischer Belastung
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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Avatar-Foto

    Was für eine geniale Webseite, die Du geschaffen hast!
    Ja, ich stöbere durchs Internet betreffend Fliegenpilz.
    Unsere korrumpierten Gesetzgeber in der CH haben nichts schlaueres zu
    tun, als Muscimol auf die Drogenliste zu setzen.
    Ich nehme es nun schon die dritte Woche, und bin überglücklich.
    Nun wollte ich Nachschub organisieren, und sehe mich in einer
    ausweglosen Situation! 🙁

    Liebe Grüsse
    enzo

    1. Avatar-Foto

      Vielen lieben Dank für das Kompliment 🙂

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