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Warum Papiertaschentücher in der Natur lange bleiben und für Tiere zum Risiko werden können
Auf meinen Runden mit Wusel sammle ich regelmäßig Müll ein, den andere im Wald zurücklassen. Erst vor wenigen Tagen war es wieder so weit. Und jetzt liegen schon wieder Taschentücher zwischen den Blättern, am Wegrand und auf dem Waldboden. Ja, das macht mich sauer. Weil ich die Natur genießen möchte und stattdessen immer wieder den Abfall anderer Menschen aufheben muss. Auch und immer mehr: Taschentücher.



Vielleicht steckt dahinter manchmal der Gedanke: Ist doch nur Papier, das verschwindet beim nächsten Regen. Aber genau das ist der Irrtum. Ein Papiertaschentuch ist dafür gemacht, auch feucht zusammenzuhalten. Was beim Naseputzen praktisch ist, sorgt draußen dafür, dass es eben nicht einfach mit dem nächsten Schauer verschwindet.




Warum ein Taschentuch nicht einfach wegregnet
Erinnerst Du Dich noch an die Papierflocken auf der frisch gewaschenen Kleidung, wenn ein Taschentuch in der Hosentasche geblieben war? Heute überstehen die meisten Taschentücher sogar einen Waschgang weitgehend am Stück. Das Umweltbundesamt bestätigt ausdrücklich, dass Taschentücher im nassen Zustand deutlich fester sind als Toilettenpapier und teilweise sogar die Waschmaschine überstehen.
Dahinter stecken unter anderem sogenannte Nassfestmittel. Diese Zusatzstoffe auf Basis synthetischer Polymere sorgen dafür, dass das Papier bei Feuchtigkeit stabil bleibt. Laut Umweltbundesamt sind sie schwer biologisch abbaubar. Die gewünschte Reißfestigkeit hört nach dem Wegwerfen nicht plötzlich auf.
Aus der Erinnerung an frühere Wäschepannen lässt sich allerdings nicht ableiten, dass früher alle Taschentücher schnell verrotteten. Entscheidend ist, was wir heute in der Hand haben: ein Hygieneprodukt, das bei Nässe ausdrücklich nicht sofort auseinanderfallen soll. Warum sollte ausgerechnet der nächste Regenschauer im Wald das zuverlässig erledigen?
Wie lange bleibt ein Taschentuch in der Natur?
Eine feste Abbauzeit für jedes Taschentuch gibt es nicht. Der Österreichische Alpenverein nennt eine Spanne von etwa drei Monaten bis fünf Jahren. Wie schnell es tatsächlich geht, hängt unter anderem von Feuchtigkeit, Temperatur, Bodenleben und dem jeweiligen Produkt ab. Das bayerische Umweltministerium nennt in seinem Gipfelknigge für Taschentücher im Gebirge einen Orientierungswert von fünf Jahren.
Diese fünf Jahre sind also keine Stoppuhr, die bei jedem Taschentuch im heimischen Wald gleich läuft. Sie zeigen aber, wie falsch die Vorstellung ist, ein bisschen Regen werde die Sache schon erledigen. Unter ungünstigen Bedingungen kann ein achtlos weggeworfenes Taschentuch über Jahre liegen bleiben.
Außerdem sind Zerfallen und vollständiger biologischer Abbau nicht dasselbe. Wenn ein Tuch irgendwann nicht mehr als weißer Papierknäuel erkennbar ist, beweist das noch nicht, dass auch sämtliche Zusatzstoffe abgebaut sind. Gerade weil das Umweltbundesamt die Nassfestmittel als schwer biologisch abbaubar beschreibt, dürfen wir sichtbares Verschwinden nicht mit vollständigem Abbau gleichsetzen.
Welche Chemikalien landen damit auf dem Waldboden?
Mit dem Taschentuch gelangen auch seine Zusatzstoffe in die Umwelt. Dazu gehören die bereits genannten Nassfestmittel. In der Papierherstellung werden dafür beispielsweise Polyamid-Epichlorhydrinharze eingesetzt. Je nach Produkt kommen weitere Bestandteile hinzu: Es gibt Taschentücher mit Duftstoffen, Pflegebalsam oder Eukalyptusöl. Welche davon ein gefundenes Tuch tatsächlich enthält, lässt sich ihm nicht ansehen.
Bei bestimmten Nassfestharzen können zudem herstellungsbedingte Verunreinigungen wie 1,3-Dichlor-2-propanol und 3-MCPD eine Rolle spielen. Untersuchungsbehörden beschreiben diese im Zusammenhang mit nassverfestigtem Papier. Daraus folgt aber weder, dass jedes Taschentuch relevante Mengen enthält, noch dass sich daraus eine konkrete Belastung unseres Waldbodens berechnen lässt.
Wir wollen deshalb keine beliebige Liste von Schadstoffen aufstellen und so tun, als würde jedes Taschentuch den Boden vergiften. Welche Stoffe in welchen Mengen ausgewaschen werden, müsste am jeweiligen Produkt und unter den jeweiligen Bedingungen untersucht werden. Belegt ist: Wir tragen mit solchen Tüchern auch schwer biologisch abbaubare synthetische Zusatzstoffe in die Natur ein.
Was bedeutet das für Wildtiere?
Wildtiere können mit unserem Müll in Kontakt kommen und ihn aufnehmen. Bei Abfällen, die nach Lebensmitteln riechen oder damit verschmutzt sind, kommt hinzu, dass Tiere dadurch angelockt werden können. Auch offen zurückgelassenes Toilettenpapier kann Wildtiere anziehen, wie die Naturschutzorganisation Leave No Trace erläutert.
Wurde ein Taschentuch nach dem Toilettengang benutzt, geht es außerdem um mögliche Verunreinigungen durch menschliche Ausscheidungen. Solche Hinterlassenschaften können Krankheitserreger verbreiten und Gewässer verunreinigen. Das bedeutet nicht, dass jedes zum Naseputzen benutzte Tuch Wildtiere krank macht. Es bedeutet, dass wir den Wald nicht mit benutzten Hygieneartikeln belasten sollten.
Wie häufig speziell Papiertaschentücher bei heimischen Wildtieren zu Erkrankungen führen, lässt sich aus den herangezogenen Quellen nicht beziffern. Wir müssen daraus auch keine dramatische Geschichte machen: Unser Müll gehört nicht in ihren Lebensraum, unabhängig davon, ob wir für jedes einzelne Stück einen nachgewiesenen Schadensfall vorlegen können.
Und was ist mit Hunden auf der Gassirunde?
Wer mit Hund unterwegs ist, weiß, wie schnell etwas vom Boden im Maul landen kann. Tierärztliche Informationen nennen Papier und Taschentücher ausdrücklich unter den Dingen, die Hunde verschlucken. Manche Fremdkörper passieren den Verdauungstrakt ohne Probleme, andere können ihn blockieren.
Ein einzelner kleiner Papierfetzen bedeutet deshalb nicht automatisch einen Darmverschluss. Das Risiko hängt unter anderem von Menge, Größe und Beschaffenheit des verschluckten Materials sowie vom Hund ab. Größere zusammengeknüllte Mengen oder zusätzlich verschluckte Verpackungen sind anders zu beurteilen als ein winziges Stück Papier. Bei einem Fund am Wegrand weißt Du außerdem nicht, womit das Tuch zuvor in Kontakt war.
Hat Dein Hund eine größere oder unbekannte Menge gefressen, hol umgehend tierärztlichen Rat ein. Erbrechen, Bauchschmerzen, fehlender Appetit oder auffällige Mattigkeit nach dem Verschlucken gehören zeitnah abgeklärt. Bitte versuche nicht selbst, Erbrechen auszulösen. Ein möglicher Darmverschluss ist ein Notfall.
So wenig Aufwand wäre nötig
Ein kleiner verschließbarer Beutel in der Jackentasche oder im Rucksack reicht, um benutzte Taschentücher wieder mitzunehmen. Zu Hause gehören sie in den Restmüll. Wegen ihrer Nassfestigkeit und aus hygienischen Gründen sind sie für die Altpapiertonne ungeeignet. Auch die Toilette ist kein Entsorgungsweg.
Bitte schiebe benutzte Tücher auch nicht unter Laub oder hinter einen Baum. Damit verschwinden sie nur aus Deinem Blick. Und anzünden ist wegen der Brandgefahr ebenfalls keine Lösung. Nimm sie mit – auch dann, wenn auf Deiner Runde kein Mülleimer steht.
Wenn Du zusätzlich Müll aufsammeln möchtest, nutze am besten eine Greifzange oder Handschuhe und fasse fremde benutzte Taschentücher nicht mit bloßen Händen an. Niemand muss die Hinterlassenschaften anderer anfassen, um die eigene Rücksichtnahme zu beweisen.
Ich möchte auf meinen Runden mit Wusel wieder auf den Wald schauen, statt ständig nach dem nächsten weißen Papierknäuel Ausschau zu halten. Erst vor wenigen Tagen haben wir dort aufgeräumt. Dass jetzt schon wieder Taschentücher herumliegen, ist frustrierend – und so unnötig. Wer ein sauberes Taschentuch in den Wald mitnehmen kann, kann ein benutztes auch wieder nach Hause tragen!

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